Mein Enkel Fabian ist 2 3/4 Jahre alt – also genau im Alter, in dem das „Ich“ sehr großgeschrieben wird. In dem man gerne „nein“ sagt, auch wenn man „ja“ meint. Wenn man alles alleine machen will, sogar dann, wenn man es noch gar nicht kann.
Und was macht dieser kleine Mensch?
Er lernt Tischtennis.
Aber nicht auf die klassische Weise, mit Papa oder Opa auf der anderen Seite der Platte. Nein – Fabian hat einen Trainingspartner, der nicht müde wird, sich nie ärgert und keine Kommentare gibt:
Ein Tischtennis-Roboter.

Ein Roboter als Spielpartner
Das Ding ist faszinierend. Eine kleine Maschine mit Schlauchaufsatz, die regelmäßig weiße Bälle über das Netz schupft. Immer mit dem gleichen Tempo, der gleichen Flugbahn. Ideal, um das Timing zu üben – oder überhaupt erst zu verstehen, dass ein Ball auf dich zufliegt und du ihn nicht einfach fangen sollst, sondern schlagen.
Fabian steht also da mit seinem winzigen Kinderschläger (von mir extra besorgt, ergonomisch geformt, kindgerecht leicht), beugt sich leicht nach vorne – und wartet. Der Ball kommt. Und zack – mit Schwung holt er aus und… trifft manchmal, manchmal nicht.
Und wenn er nicht trifft, ist das auch egal. Dann geht’s einfach weiter.
Was mich erstaunt: Er verliert kaum die Geduld. Er freut sich über jeden Ballkontakt wie ein Weltmeister – selbst wenn der Ball gegen die Wand fliegt oder im Blumentopf landet.
Mein Opa-Herz schlägt höher.
Als leidenschaftlicher Tischtennisspieler (nun ja, leidenschaftlich im Rahmen meiner Möglichkeiten – also beim Familienturnier oder im Keller gegen die Wand) sehe ich da natürlich enormes Potenzial. Ich erkenne Bewegungstalente, gute Reaktionen, ein Ballgefühl!
Ich sehe in meinem Enkel vielleicht schon den nächsten Timo Boll, oder zumindest den besten Spieler im Kindergarten.
Also tue ich, was man als stolzer Großvater eben tut:
Ich gebe Tipps.
„Fabian, nimm den Schläger etwas lockerer.“
„Schau, der Ball kommt gleich, bereit machen!“
„Nicht so fest hauen – versuch es mal mit einem kleinen Schupf.“
Fabians Reaktion?
Ein Blick. Lang. Ruhig.
Dann dreht er sich um – und spielt weiter, so wie er es will.
Eigenwille pur – typisch Kleinkind
Man könnte sagen: „Mein Coaching kommt nicht gut an.“
Oder deutlicher: Er will nichts davon wissen.
Er hält den Schläger so, wie es sich für ihn richtig anfühlt – mal mit der Vorhandseite, mal verkehrt herum. Er steht zu nah an der Platte oder zu weit weg. Wenn ich ihm zeigen will, wie man sich hinstellt, sagt er einfach „Nein! Opa nicht!“ und stellt sich demonstrativ in Pose – die Arme verschränkt, als wäre er der Trainer.
Ist das normal?
Absolut.
Kinder in diesem Alter sind mitten in der sogenannten Autonomiephase – früher sagte man auch „Trotzphase“, aber das wird dem eigentlichen Entwicklungsprozess nicht gerecht. In dieser Phase entdecken Kinder, dass sie ein eigener Mensch sind. Mit eigenem Willen, eigenen Entscheidungen – und einem enormen Drang, die Dinge selbst zu machen.
Ob es ums Anziehen geht („Ich will die Socken allein!“), ums Zähneputzen („Nein, Opa, ich zuerst!“) oder eben ums Tischtennis – sie wollen es ausprobieren. Ihre Wege gehen. Fehler machen. Und vor allem: nicht belehrt werden.
Lernen funktioniert anders.
Was ich dabei lernen darf (ja, auch ich bin noch nicht fertig mit dem Lernen), ist Folgendes:
Kinder lernen nicht durch Ansagen. Sie lernen durchs Tun.
Fabian schaut sich Bewegungen ab, probiert, wiederholt, verändert.
Er sieht vielleicht, wie der Ball von der Platte springt und merkt: „Ah, wenn ich den Schläger flacher halte, springt er nicht so hoch.“
Oder er trifft zufällig einen Ball besonders gut – und merkt sich unbewusst die Bewegung. Kein Erwachsener müsste ihm das erklären.
Beispiel:
An einem Nachmittag traf er auf einmal drei Bälle hintereinander. Zufällig? Vielleicht. Aber plötzlich wiederholte er die gleiche Haltung, die gleiche Ausholbewegung. Ganz ohne meine Hinweise. Ohne Analyse. Er spürte einfach: So funktioniert es.
Technikvorschläge? Erstmal nicht.
Natürlich ist es schwer, als Erwachsener nicht einzugreifen. Ich will doch nur helfen! Ich meine es doch gut!
Aber für Fabian sind meine „Hilfen“ oft eher Hindernisse. Sie unterbrechen seinen Spielfluss, seine Entdeckerlust.
Einmal habe ich ihm die Hand führen wollen – „nur kurz, um zu zeigen“.
Er hat sofort protestiert, sich losgerissen und gesagt:
„Opa! Ich mach das allein!“
Und da war sie wieder, die Autonomie. Die so wichtig ist. Die uns zeigt:
Er will lernen – aber auf seine Weise.
Der große Lerneffekt – für uns beide
Also habe ich beschlossen, meine Rolle zu ändern.
Ich bin nicht mehr der Trainer. Ich bin der Fan. Der Beobachter. Der Unterstützer, wenn Hilfe gewünscht wird.
Und siehe da: Wenn ich mich zurückhalte, beobachte und einfach nur ab und zu lobe – dann kommt er manchmal doch zu mir. Fragt:
„Opa, wie geht das?“
Dann ist der Moment da. Dann ist er offen für eine Idee. Für einen kleinen Hinweis.
Und das fühlt sich viel besser an als jede Korrektur, die ich ihm aufzwingen wollte.
Fazit: Der Ball rollt – in mehr als einer Hinsicht.
Fabian spielt Tischtennis – irgendwie. Unorthodox, wild, spontan, voller Freude.
Der Roboter schupft, der Enkel haut – und ich stehe daneben und versuche, nicht ständig Tipps zu geben.
Stattdessen lache ich mit ihm, wenn der Ball ins Blumenbeet fliegt.
Ich freue mich, wenn er einen Ball trifft – und jubelt, als hätte er Olympia gewonnen.
Ich genieße diese Momente. Nicht, weil sie perfekt sind. Sondern weil sie echt sind.
Und vielleicht – nur vielleicht – lernt Fabian nicht nur, den Ball zu treffen.
Vielleicht lernt er auch, dass Lernen Spaß macht. Dass er Dinge selbst herausfinden darf.
Und ich lerne: Loslassen ist auch eine Form von Liebe.
PS: Wenn er irgendwann doch mal einen Trainer braucht – ich hätte da noch ein paar Tipps parat. Aber nur, wenn er fragt. 😉






