Fühlen Sie sich manchmal, als ob Ihre Emotionen eine eigene Vorstellung vom Leben haben? An einem Tag sind Sie voller Energie und Tatendrang, am nächsten reizbar und alles fühlt sich an wie eine unüberwindbare Hürde. Oder vielleicht beobachten Sie das bei Ihrem Partner und fragen sich, wo die Person geblieben ist, in die Sie sich einst verliebt haben. Oft suchen wir die Gründe für solche emotionalen Schwankungen und Beziehungsprobleme in äußeren Umständen, Stress bei der Arbeit oder einfach in der Persönlichkeit. Doch was wäre, wenn die wahre Ursache viel tiefer liegt, in unserem eigenen Körper, genauer gesagt in unseren Hormonen?
Ein aufschlussreiches Gespräch mit der Gynäkologin Dr. med. Hildegard Faust-Albrecht auf dem Gesundheitskanal QS24 beleuchtet ein Thema, das oft übersehen wird, aber eine enorme Auswirkung auf unser Wohlbefinden und unsere Beziehungen hat: hormonelle Ungleichgewichte. Sowohl bei Frauen als auch bei Männern können verschobene Hormonspiegel zu erheblichen emotionalen und psychischen Belastungen führen, die oft fälschlicherweise als rein psychologische Probleme abgetan werden. Dieser Artikel taucht tief in diese Thematik ein und erklärt in einfachen Worten, wie unsere Hormone unser Leben beeinflussen und was wir tun können, wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten.

Unsere inneren Botenstoffe: Was sind Hormone überhaupt?
Stellen Sie sich Hormone als kleine Boten vor, die durch unseren Körper reisen und an verschiedenen Stellen Nachrichten überbringen. Sie steuern unzählige Prozesse, von unserem Wachstum und Stoffwechsel über unseren Schlaf-Wach-Rhythmus bis hin zu unserer Stimmung und unserem Verhalten. Produziert werden sie in verschiedenen Drüsen wie der Schilddrüse, den Nebennieren und den Keimdrüsen (Eierstöcke bei Frauen, Hoden bei Männern). Wenn dieses komplexe System im Gleichgewicht ist, fühlen wir uns in der Regel gut, ausgeglichen und leistungsfähig. Gerät es jedoch aus den Fugen, kann das weitreichende Folgen haben.
Die Frau und der Zyklus: Wenn Progesteron fehlt
Viele Frauen kennen das Gefühl: In den Tagen vor der Periode ist die Zündschnur kürzer, die Stimmung schwankt und man fühlt sich emotional verletzlicher. In einem gewissen Rahmen ist das völlig normal und Teil des weiblichen Zyklus. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Verstimmungen zu ausgewachsenen emotionalen Ausbrüchen führen, die das soziale Umfeld und die Partnerschaft stark belasten. Laut Dr. Faust-Albrecht ist die Ursache dafür oft ein Mangel an dem Hormon Progesteron in der zweiten Zyklushälfte.
Progesteron wird auch als „Wohlfühlhormon“ bezeichnet. Es hat eine beruhigende und ausgleichende Wirkung auf unsere Psyche. Nach dem Eisprung sollte der Progesteronspiegel ansteigen, um den Körper auf eine mögliche Schwangerschaft vorzubereiten. Bleibt dieser Anstieg aus oder ist er zu gering, entsteht ein Ungleichgewicht zum Östrogen, dem anderen wichtigen weiblichen Geschlechtshormon. Diese sogenannte Östrogendominanz kann zu den typischen Symptomen des prämenstruellen Syndroms (PMS) in verschärfter Form führen: starke Reizbarkeit, grundlose Wutausbrüche, depressive Verstimmungen und das Gefühl, die Kontrolle über die eigenen Emotionen zu verlieren. Viele Frauen und ihre Partner leiden unter dieser monatlich wiederkehrenden Belastung, ohne zu wissen, dass eine behandelbare hormonelle Störung dahintersteckt.
Auch Männer sind betroffen: Testosteronmangel und Östrogendominanz
Die Vorstellung, dass Hormone reine „Frauensache“ sind, ist längst überholt. Auch Männer erleben hormonelle Veränderungen, die ihre Stimmung und ihr Verhalten stark beeinflussen können. Mit zunehmendem Alter sinkt bei vielen Männern der Testosteronspiegel. Testosteron ist das wichtigste männliche Geschlechtshormon und verantwortlich für Muskelkraft, Antrieb, Libido und ein allgemeines Gefühl von Stärke und Wohlbefinden. Ein Mangel kann sich durch Antriebslosigkeit, Müdigkeit, depressive Verstimmungen und eine erhöhte Reizbarkeit äußern.
Gleichzeitig kann es bei Männern zu einer Östrogendominanz kommen. Das klingt zunächst seltsam, da Östrogen als weibliches Hormon bekannt ist. Doch auch der männliche Körper produziert geringe Mengen Östrogen. Problematisch wird es, wenn das Verhältnis von Testosteron zu Östrogen kippt. Verstärkt wird dieses Phänomen durch unsere moderne Umwelt. Sogenannte Xenoöstrogene, also hormonell wirksame Substanzen, lauern überall: in Plastikflaschen und -verpackungen, in Kosmetika, Pestiziden und sogar in manchen Lebensmitteln. Diese Stoffe können im Körper wie Östrogen wirken und das empfindliche hormonelle Gleichgewicht stören. Die Folgen für den Mann sind ähnlich wie beim Testosteronmangel: Stimmungsschwankungen, emotionale Instabilität und eine Abnahme der Lebensfreude.
Die Pille: ein ungeahnter Einfluss auf die Partnerwahl
Ein besonders spannender Aspekt, den Dr. Faust-Albrecht anspricht, betrifft die Auswirkungen der Anti-Baby-Pille auf die Partnerwahl. Die Pille greift massiv in den natürlichen Hormonhaushalt der Frau ein, indem sie den Eisprung unterdrückt. Sie simuliert dem Körper quasi eine Schwangerschaft. Die natürliche, oft unbewusste Partnerwahl wird jedoch stark vom Geruchssinn beeinflusst. Frauen fühlen sich in ihrer fruchtbaren Phase instinktiv zu Männern hingezogen, deren Immunsystem sich genetisch stark von ihrem eigenen unterscheidet. Dies ist ein cleverer Trick der Natur, um für gesunden und widerstandsfähigen Nachwuchs zu sorgen.
Nimmt eine Frau die Pille, wird dieser Mechanismus außer Kraft gesetzt. Ihr Geruchssinn verändert sich, und sie bevorzugt plötzlich Männer, deren genetische Ausstattung ihrer eigenen ähnlicher ist. Das kann dazu führen, dass eine Frau unter dem Einfluss der Pille einen Partner wählt, den sie ohne hormonelle Verhütung vielleicht nicht gewählt hätte. Setzt sie die Pille dann nach Jahren ab, weil zum Beispiel ein Kinderwunsch besteht, stellt sich ihr natürlicher Hormonzyklus wieder ein. Plötzlich kann es passieren, dass sie ihren Partner sprichwörtlich „nicht mehr riechen kann“. Was wie ein seltsames Phänomen klingt, kann zu tiefen Beziehungskrisen führen, weil die biologische Grundlage der Anziehung ins Wanken gerät.
Der Weg aus dem Chaos: Was kann man tun?
Die wichtigste Botschaft des Gesprächs ist: Sie müssen emotionale Achterbahnen und Beziehungsprobleme, die durch hormonelle Störungen verursacht werden, nicht einfach hinnehmen. Wenn Sie sich oder Ihren Partner in den beschriebenen Symptomen wiedererkennen, kann eine ärztliche Abklärung der erste Schritt zur Besserung sein. Ein einfacher Speichel- oder Bluttest kann Aufschluss über die Hormonspiegel geben.
Sollte ein Ungleichgewicht festgestellt werden, gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Oft können schon natürliche oder bioidentische Hormone helfen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Bioidentische Hormone haben die gleiche chemische Struktur wie die körpereigenen Hormone und werden daher oft besser vertragen als synthetische Präparate. Auch eine Anpassung des Lebensstils kann viel bewirken. Eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und die Reduzierung von Stress und Umweltgiften unterstützen den Körper dabei, seine hormonelle Balance zu finden.
Es ist an der Zeit, das Tabu um hormonelle Probleme zu brechen. Anstatt uns und unsere Partner für emotionale Ausbrüche zu verurteilen, sollten wir den Mut haben, auch die physiologischen Ursachen in Betracht zu ziehen. Ein besseres Verständnis für die Macht der Hormone kann nicht nur die eigene Lebensqualität erheblich verbessern, sondern auch Beziehungen retten und zu einem harmonischeren Miteinander führen. Denn am Ende sind wir alle nur so gut, wie unsere Hormone es zulassen.
Der erste Schritt ist, das Bewusstsein für dieses wichtige Thema zu schärfen und offen darüber zu sprechen. Ein Gespräch mit einem verständnisvollen Arzt oder einer Ärztin kann der Beginn einer Reise zu mehr emotionaler Stabilität und einem glücklicheren Leben sein.
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