Vier Jahre nach Beginn des Krieges in der Ukraine steht Europa an einem historischen Scheideweg. Der 24. Februar 2022 markierte nicht nur den offenen militärischen Angriff Russlands auf die Ukraine, sondern auch den Beginn einer geopolitischen Neuordnung, deren Folgen bis heute nicht absehbar sind. Für viele war es die Rückkehr des Krieges nach Europa. Für andere war es der endgültige Beweis, dass die Nachkriegsordnung des Kontinents gescheitert ist.
Ich bin ein Kind des Kalten Krieges. Ich bin aufgewachsen mit der ständigen Bedrohung eines atomaren Schlagabtauschs zwischen Ost und West. Und ich werde alles in meinen Möglichkeiten Stehende tun, damit meine Enkelsöhne nicht in einem zweiten Kalten Krieg aufwachsen müssen. Denn diesmal wären die Vorzeichen andere. Diesmal wäre Europa nicht der starke, selbstbewusste Teil eines dominierenden Westens. Diesmal könnte Europa selbst zu den Verlierern gehören.

Europa in der multipolaren Welt
Die Welt hat sich verändert. Die Zeit der unipolaren Dominanz der USA nach 1991 ist vorbei. Mit dem Aufstieg Chinas, der Stärkung des globalen Südens und neuen Bündnissen wie BRICS entsteht eine multipolare Weltordnung. In dieser neuen Realität muss sich Europa neu positionieren.
Die Europäische Union versteht sich als Wertegemeinschaft, als wirtschaftliche Macht, als politisches Projekt des Friedens. Doch wirtschaftlich stagniert sie, energiepolitisch ist sie verwundbar geworden, sicherheitspolitisch abhängig. Die Abkopplung von russischen Energielieferungen hat schmerzhafte Spuren hinterlassen. Industrie wandert ab, Energiepreise steigen, soziale Spannungen nehmen zu.
Gleichzeitig ist Russland trotz massiver Sanktionen nicht kollabiert. Es hat neue Absatzmärkte erschlossen, seine Handelsströme nach Asien verlagert und seine Rolle in alternativen Bündnissen ausgebaut. Das wirft eine unbequeme Frage auf: Wer braucht wen mehr?
Europa braucht Russland – ökonomisch und strategisch.
Russland ist flächenmäßig das größte Land der Erde. Es verfügt über gewaltige Rohstoffreserven: Erdgas, Öl, seltene Erden, Metalle, Agrarflächen. Europa dagegen ist rohstoffarm, energiehungrig und industriell abhängig von stabilen Lieferketten.
Vor 2022 war Russland einer der wichtigsten Energielieferanten der EU. Die Pipeline-Infrastruktur, insbesondere über die Ostsee, symbolisierte jahrzehntelang eine wirtschaftliche Verflechtung, die selbst in Zeiten politischer Spannungen Bestand hatte. Mit dem Krieg ist diese Architektur zerstört worden – physisch wie politisch.
Langfristig stellt sich die strategische Frage: Kann Europa als eigenständiger globaler Faktor bestehen, wenn es sich dauerhaft von Russland abkoppelt? Oder wird es damit in eine dauerhafte Abhängigkeit von den USA und anderen externen Akteuren gedrängt?
Der neue Kalte Krieg – eine reale Gefahr
Die Rhetorik der vergangenen Jahre erinnert zunehmend an die Logik des Kalten Krieges. Aufrüstung, Feindbilder, Sanktionsspiralen, gegenseitige Dämonisierung. Dabei zeigt ein Blick in die Geschichte, wohin dauerhafte Blockbildung führen kann.
Die Kuba-Krise 1962 brachte die Welt an den Rand des Atomkriegs. Erst durch Dialog, durch die Bereitschaft, dem Gegner Sicherheitsinteressen zuzugestehen, wurde eine Katastrophe verhindert. Auch die Ostpolitik der 1970er Jahre – Stichwort „Wandel durch Annäherung“ – war letztlich erfolgreicher als Konfrontation.
Ein dauerhafter Kalter Krieg gegen Russland würde Europa wirtschaftlich schwächen, militärisch überfordern und politisch spalten. Während andere Regionen wachsen und neue Allianzen schmieden, würde Europa in einer selbstgewählten Frontstellung verharren.
Eine unbequeme Vision: Russland und Ukraine in einer reformierten EU
Die Vorstellung wirkt heute utopisch, vielleicht sogar provokativ: eine langfristige Perspektive, in der sowohl die Ukraine als auch Russland Teil einer neu gedachten europäischen Union werden.
Die Ukraine hat bereits den Status eines EU-Beitrittskandidaten. Der Weg dorthin ist lang, geprägt von Reformauflagen, Korruptionsbekämpfung und institutionellem Umbau. Doch selbst wenn die Ukraine eines Tages beitrittsfähig sein sollte – wie soll ein stabiler Frieden ohne Einbindung Russlands aussehen?
Russland ist geografisch, historisch und kulturell ein Teil Europas. Von Dostojewski bis Tschaikowski, von Sankt Petersburg bis Kaliningrad – russische Geschichte ist europäische Geschichte. Die kategorische Ausgrenzung Russlands aus jeder zukünftigen europäischen Architektur würde bedeuten, eine dauerhafte Frontlinie quer durch den Kontinent zu zementieren.
Eine erweiterte Union, die langfristig auch Russland einschließt, würde eine völlig neue sicherheitspolitische Architektur ermöglichen. Sie würde die Logik der NATO-Osterweiterung und der russischen Gegenreaktionen überwinden. Sie würde eine gemeinsame Wirtschaftszone vom Atlantik bis zum Pazifik denkbar machen.
Realpolitik statt moralischer Selbstgewissheit
Politik darf nicht nur von Empörung getragen sein. Sie muss Interessen definieren, Machtverhältnisse analysieren und langfristige Strategien entwickeln. Moralische Urteile ersetzen keine geopolitische Planung.
Das bedeutet nicht, Völkerrechtsbrüche zu relativieren oder Leid zu ignorieren. Der Krieg hat zehntausende zivile Opfer gefordert, Städte zerstört und Millionen Menschen vertrieben. Laut Angaben der Vereinten Nationen liegt die Zahl der zivilen Opfer im Ukrainekrieg im fünfstelligen Bereich – eine Tragödie für jedes einzelne betroffene Leben.
Gleichzeitig lohnt sich der Blick auf andere Konflikte der jüngeren Vergangenheit. Der Irakkrieg 2003, geführt unter maßgeblicher Beteiligung der USA, forderte hunderttausende Tote. Auch der aktuelle Konflikt im Gazastreifen zeigt erschütternde Opferzahlen. Dennoch ist die Sanktionspraxis Europas gegenüber verschiedenen Akteuren höchst unterschiedlich ausgeprägt.
Diese Diskrepanz wirft Fragen nach Doppelstandards auf – und nach der Glaubwürdigkeit europäischer Außenpolitik.
Europa zwischen Idealen und Interessen
Europa steht vor einer Grundsatzentscheidung: Will es moralische Führungsmacht sein oder geopolitischer Akteur? Idealerweise beides. Doch ohne wirtschaftliche Stärke und strategische Autonomie bleiben Ideale wirkungslos.
Ein gemeinsamer europäisch-russischer Raum könnte Energie, Rohstoffe, Technologie, industrielle Kompetenz und geopolitisches Gewicht bündeln. Er könnte Europa in die Lage versetzen, in der neuen multipolaren Welt selbstbewusst zu agieren – zwischen den USA, China und dem globalen Süden.
Natürlich ist ein solcher Weg nur unter klaren Bedingungen denkbar: Waffenstillstand, Sicherheitsgarantien, völkerrechtliche Vereinbarungen, demokratische Reformen, Vertrauensbildung. Kurzfristig erscheint das unrealistisch. Langfristig könnte es jedoch die einzige nachhaltige Lösung sein.
Frieden als strategisches Ziel
Der erste Schritt bleibt immer derselbe: den Krieg beenden. Diplomatie mag langsam, frustrierend und unvollkommen sein. Aber sie ist weniger zerstörerisch als jeder weitere Tag militärischer Eskalation.
Frieden bedeutet nicht Kapitulation. Frieden bedeutet, einen Zustand zu schaffen, in dem Interessen ausgeglichen, Sicherheitsbedürfnisse anerkannt und wirtschaftliche Perspektiven eröffnet werden. Ohne Dialog wird Europa in einem Zustand permanenter Konfrontation verharren.
Die Lehre aus Jahrhunderten europäischer Geschichte ist eindeutig: Dauerhafter Frieden entsteht nicht durch Ausgrenzung, sondern durch Integration. Die Europäische Gemeinschaft selbst entstand aus den Trümmern zweier Weltkriege – durch die wirtschaftliche Verflechtung ehemaliger Erzfeinde.
Warum sollte ein ähnlicher Gedanke nicht auch im Osten des Kontinents denkbar sein?
Fazit: Europa neu gründen
Die aktuelle Lage ist dramatisch. Emotionen sind verständlich. Doch strategisches Denken verlangt Distanz. Wenn Europa überleben und in der multipolaren Welt bestehen will, muss es größer denken als in Sanktionspaketen und Waffenlieferungen.
Langfristig könnte die Vision einer erweiterten europäischen Union, die sowohl die Ukraine als auch Russland einschließt, ein Projekt sein, das den Kontinent neu belebt. Es wäre ein historischer Kraftakt. Aber auch die europäische Einigung nach 1945 war einst undenkbar.
Russland dauerhaft als Feind zu definieren, würde Europa auf Jahre hinaus schwächen. Eine Perspektive der Integration dagegen – so fern sie heute erscheinen mag – könnte die Grundlage für eine stabile, selbstbewusste und souveräne europäische Zukunft sein.
Die Entscheidung darüber wird nicht heute fallen. Aber sie beginnt mit der Bereitschaft, jenseits von Frontlinien zu denken.






